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Aware leben – „Ich habe keine andere Wahl“

Copyright: Paul Hoffmann

Wenn die Luft ein bisschen zu trocken ist, der Socke zwischen den Zehen klemmt oder unerwartet eine Tür zuschlägt, kann es für Hannah unerträglich werden. Gerüche, Bilder, Geräusche – Hannah nimmt sie besonders bewusst wahr. Es ist, als trage sie einen Verstärker in sich. Immer und überall. Ein Verstärker, der all’ diese Reize viel intensiver werden lässt und verhindert, Unwichtiges zu filtern. Er macht jede klitzekleine Kleinigkeit so eindringlich, während sie anderen nicht einmal auffällt. Dem Verstärker einfach den Stecker zu ziehen, geht jedoch nicht – denn Hannah ist hochsensibel. 

Die große, schlanke 21-Jährige mit den kurz geschorenen, braunen Haaren und den großen blauen Augen sitzt in einem mäßig gefüllten Linienbus, der sie in das Zentrum von Erlangen fährt. An der nächsten Haltestelle steigt ein kleiner, etwas moppeliger Junge mit einer weißen Orchidee in der Hand ein. Er begrüßt freundlich den Busfahrer, kauft sich ein Ticket und fragt höflich eine alte Dame, ob er sich auf einen freien Platz neben sie setzen dürfe. Hannah beobachtet die Situation bis ins kleinste Detail. Ihr kommen die Tränen, sie weint. Während ihr die Tränen die Wange herunterkullern, gehen ihr tausend Dinge durch den Kopf, sagt sie. „Dieser Junge ist so lieb. Ich hoffe, er wird nie gemobbt oder ungerecht behandelt.“ Solche Situationen passieren Hannah häufig: Es läuft ein alter Mann allein durch den Park, sie muss weinen. Sie stellt sich vor, wie es ihm gehe, was seine Geschichte sein könnte. „Dann fühle ich so stark Empathie. Ich bin ein richtiger Empathieheuler.“ 

„Empathische Hochsensible können die Grenzen zwischen den Gefühlen anderer und der eigenen Gefühle oft nicht erkennen“, erklärt Katrin Dörfler. Sie ist selbst hochsensibel und betreibt seit zehn Jahren eine Praxis für Hochsensibilität in Erlangen. Zu ihr kommen Menschen, die sich häufig unverstanden fühlen, die nicht wissen, warum sie manchmal einfach losweinen oder warum so viele, scheinbar harmlose Dinge unerträglich für sie sind. Hochsensibilität ist keine Krankheit, sondern ein Persönlichkeitsmerkmal und bisher nur wenig erforscht. Expert:innen zufolge sind etwa 15 bis 20 Prozent aller Menschen hochsensibel. Viele wissen nicht, dass sie betroffen sind. Denn Hochsensibilität hat viele Facetten. 

Bei Hannah kommen neben ihrer starken Empathie auch sensorische Merkmale dazu. Wenn es einen starken Temperatursturz gibt, verbringt sie oft den ganzen Tag im Bett. Wenn Freunde campen gehen, muss sie absagen: Sie erträgt die stickige, feuchte Luft im Zelt nicht. Auch in ihrem WG-Zimmer hat jeder Gegenstand seinen Platz. „Wenn irgendwo etwas herumliegt, ist das für mich Lärm für die Augen. Ich spüre dann extremen emotionalen Stress.“ 

Dass Hannah hochsensibel ist, hat sie vor eineinhalb Jahren erfahren. Damals begann sie eine Therapie, weil sie unter einer Zwangsstörung litt. Hannah hat sich 60 bis 80 Mal am Tag die Hände gewaschen, wegen ihrer Angst vor Keimen, Krankheiten und Bakterien. Noch heute sind ihre filigranen und dünnen Hände rau und rot. In der Therapie hat sie von ihrer Hochsensibilität erfahren und auf einmal gab für Hannah vieles einen Sinn. „Es folgte eine Selbsterkenntnis nach der nächsten“, sagt die Studentin mit einer bewussten, aufrechten Körperhaltung, die in diesem Moment eine tiefe Ruhe ausstrahlt. Hochsensibilität ist häufig die Ursache für Angsterkrankungen oder Verhaltensstörungen. „Das Nervensystem von Hochsensiblen ist wesentlich erregbarer. Sie sind permanent mit ganz vielen Reizen konfrontiert. Diese ganzen Reize zu verarbeiten, ist eine enorme Anstrengung.“, erklärt Katrin Dörfler. Die Folge: Das Nervensystem produziert verstärkt das Stresshormon Cortisol. Die Betroffenen leiden unter Dauerstress und der Körper reagiert darauf – zum Beispiel mit Ängsten oder Zwängen wie bei Hannah. Mittlerweile hat sie jedoch gelernt, besser damit umzugehen. Heute ist das Händewaschen eine Art Alarm für sie. „Wasche ich zu viel die Hände, sage ich mir selbst: Hannah, irgendwas stimmt nicht. Du bist gerade zu vielen Reizen ausgesetzt!“ 

Mit den Reizen ist es wie mit einer Reihe an Dominosteinen. Ein Geruch, ein Geräusch oder ein Blick einer Person sind der erste Dominostein. Er setzt eine Kette an Gedanken und Gefühlen in Gang. Hannah weiß heute, wie sie die Kette stoppen kann. Sie setzt dann ihre Kopfhörer auf, hört Musik oder versprüht Raumspray – ein Duft, der ihr Sicherheit gibt und der sie von den anderen Reizen ablenkt. Katrin Dörfler sagt: „Es geht nicht darum, Hochsensibilität weg zu therapieren, sondern sie in das eigene Leben zu integrieren.“ Denn dann kann Hochsensibilität etwas ganz Besonderes sein: eine Superkraft, die vor allem schöne Momente viel bewusster werden lässt.

Autorin: Nina Bundels