web

Restaurantbesuch am Abhol-Fenster

Corona trifft im Winter 2020 viele Selbstständige zum zweiten Mal. Auch die Gastronomie ist erneut betroffen. Auf den ersten Blick scheint die Lösung einfach: zurück zum Lockdown-Betrieb und Lieferservice anbieten. Im Hintergrund machen jedoch ganz andere Probleme den Gastronomen zu schaffen.

Jeden Samstag um 17 Uhr beginnt für Steffen Ostermeyer normalerweise seine Schicht im Glüxrausch. Sein erster Weg führt ins Büro, um Mails zu lesen und neue Reservierungen einzutragen. Bis 18 Uhr muss dann der Laden stehen: das Obst für die Cocktails ist geschnitten, die Tische sind eingedeckt. Wenn um 3 Uhr morgens dann die letzten Gäste gehen, macht Steffen mit seinen Kollegen die Abrechnung. Unter der Woche kümmert er sich neben dem Barbetrieb auch um den Auftritt des Lokals in den sozialen Medien und um seine Mitarbeiter. Hin und wieder muss er hier auch Konflikte lösen. In Zeiten von Corona hat er jedoch ganz andere Sorgen.

Corona hat unseren Alltag verändert. In der Krise treffen die Einschränkungen auch die Gastronomie hart. Gasträume bleiben geschlossen, nur durch Abholung und Lieferdienste können Gastronomen ihre Speisen und Getränke an den Gast bringen. Das stellt auch Steffen zu Beginn der Pandemie vor völlig neue Probleme. Als einer von drei Chefs des Lokals Glüxrausch in Erlangen muss er von einem auf den anderen Tag komplett umplanen. 

Seit fünf Jahren arbeitet Steffen bereits im Glüxrausch, drei Jahre später wird er Gesellschafter. Mehr Verantwortung und mehr Aufgaben kommen damit auf ihn zu. Nur aus der Buchhaltung hält er sich raus, „das ist Erwachsenen-Sache“, erklärt der 26-Jährige lachend. Zu Beginn ist das Lokal am Martin-Luther-Platz eine reine Studenten-Bar. Mittlerweile hat es sich zu einem vollwertigen Restaurant entwickelt. Die Spezialität des Hauses: Burger. Trotzdem ist das Glüxrausch am Wochenende immer noch eine beliebte Anlaufstelle für Studenten. Steffen erzählt es mache ihm Spaß, mit den Gästen zu feiern. „Ich habe das Gefühl, ich bin mit ihnen auf einer Wellenlänge.“ Auch in die Rolle des Gastgebers zu schlüpfen bereite ihm Freude. Bei einem Treffen wirkt er wie ein ganz normaler Student, der eben nebenbei in einer Bar jobbt. Zum Thema Corona äußert er sich dann aber ernst und verantwortungsbewusst. 

Trotz seiner Erfahrung in der Gastronomie findet er sich am Anfang des Jahres 2020 durch die Pandemie plötzlich in einer völlig neuen Situation wieder. Jeden Tag müssen er und das gesamte Team neu dazu lernen. „Wir stehen momentan vor den größten Herausforderungen, seit es uns gibt“, schreibt das Glüxrausch in seinem Instagram-Account. „Nichts desto trotz wollen wir für euch da sein!“. Doch wie kann das Team das umsetzen? Steffen und seine Kollegen müssen sich entscheiden, auf welche Taktik sie setzen: Abholung oder Lieferservice? Lohnt sich das überhaupt? 

„Wir haben uns dann relativ schnell dafür entschieden, dass wir ein To-Go-Geschäft machen und keinen Lieferservice“, erzählt er in einem Gespräch im Mai 2020. Das sollte eigentlich kein Problem sein – wären da nicht unzählige weitere Restaurants, die dieselbe Schiene fahren. Viele andere Möglichkeiten gibt es schließlich nicht. Ein neues, unerwartetes Hindernis gilt es jetzt zu überwinden: „Als dann jeder mit dem To-Go-Geschäft angefangen hat, waren dann plötzlich die Behälter für die Speisen ausverkauft. Das hat uns vor eine völlig neue Problematik gestellt.“ 

Doch das Geschäft selbst ist nicht das einzige Problem. Denn Steffen trägt auch Verantwortung gegenüber seinen Mitarbeitern. Bei so großen Einschränkungen im Betrieb werden weniger Arbeitskräfte gebraucht. Zu Beginn macht er sich darauf gefasst, Mitarbeiter in Kurzarbeit zu schicken oder nicht bezahlen zu können. Nachdem das Geschäft gut anläuft, können wenigstens einige Kräfte ausreichend beschäftigt werden. Trotzdem kann er nicht alle in ihren üblichen Schichten einteilen. Der Großteil der 28 Mitarbeiter im Bar- und Servicebereich sind 450-Euro-Kräfte. Viele davon sind Studenten, die von ihrem Nebenjob leben. Einen Anspruch auf Kurzarbeitergeld haben sie nicht. „Wir haben dann an die Mitarbeiter plädiert, ihre Schichten an diejenigen abzugeben, die das Geld vielleicht dringender brauchen als sie selbst.“

Steffen ist neben seiner Tätigkeit im Glüxrausch selbst Student und kann sich deshalb in die Lage seiner Kollegen hineinversetzen. Er studiert im Master Wirtschaftswissenschaften und wohnt in einer eigenen Wohnung in Erlangen. Für Miete und Lebenshaltungskosten muss er genauso selbst aufkommen wie viele andere Studenten. Mit seiner Position im Lokal hat er allerdings mehr finanzielle Sicherheit als eine 450-Euro-Kraft. Trotzdem belastet ihn die Situation gerade zu Beginn noch sehr. Dass das Geschäft im ersten Lockdown besser läuft als erwartet, nimmt ihm den Druck zumindest etwas. Kurz vor Ende des Lockdowns im Frühjahr 2020 zeigt sich Steffen optimistisch und freut sich darauf, bald wieder Gäste empfangen zu dürfen. „Wir sind schon der Meinung, dass wir das durchstehen werden und weitermachen können.“

Es folgt ein Sommer voller Umstrukturierungen für das Team im Glüxrausch – genauso wie in den meisten Restaurants und Bars. Das Hygienekonzept steht schnell und auch das Personal setzt sich nun neu zusammen: Türsteher gehören im Sommer 2020 im Glüxrausch zum festen Programm. Sie sorgen dafür, dass Abstandsregeln und die Einschränkungen bei der maximalen Personenzahl an den Tischen eingehalten werden. Trotzdem gibt es immer wieder Probleme. „Ich will nicht wissen, wie oft ich am Anfang zu den Gästen gesagt habe, sie sollen ihre Maske aufsetzen.“ Vielen Gästen fällt es schwer, sich an die neuen Regeln zu halten. Dennoch macht Steffen die Arbeit im Sommer wieder Spaß. „Es war einfach mal wieder cool Leute zu sehen. Man hat gemerkt, dass die Menschen wieder raus wollen.“ 

Umso härter trifft ihn der Beschluss für den Teil-Lockdown im Oktober 2020. Ab dem ersten November muss die Gastronomie wieder schließen – trotz aller Anstrengungen der vergangenen Monate. „Wir haben uns darum gekümmert, dass wir ein Hygienekonzept auf die Beine stellen können und haben da Geld reingesteckt. Die Gastro sozusagen als erstes Bauernopfer zu schließen war da nicht so begeisternd.“, erzählt Steffen im Dezember. Schnell kehrt das Glüxrausch-Team wieder zum To-Go Geschäft zurück. Für die Mitarbeiter bedeutet das: zurück ans Abhol-Fenster. Telefon, Notizbuch und das System zum Bonieren der Bestellungen sind mittlerweile wieder an dieses Fenster umgezogen. Hier findet während dem eingeschränkten Betrieb der einzige Kontakt zu den Gästen statt. Speisen und Getränke werden aus dem Abhol-Fenster gereicht und abkassiert – genauso wie schon im Frühjahr 2020.  In einer Sache unterscheidet sich der zweite Lockdown jedoch vom ersten: die Unterstützung der Gäste sei geringer. Was einen Plan für den Lockdown im Winter angeht, hat sich jedoch nichts geändert. Steffen erklärt, er hätte sich von der Politik in dieser Hinsicht mehr gewünscht. Doch nicht nur die finanzielle und organisatorische Belastung spielt eine Rolle. Auch das Team-Gefühl leidet unter der Situation. „Wir haben Glück, dass unser Team so verständnisvoll ist. Aber trotzdem fehlt es, etwas gemeinsam zu unternehmen.“, erklärt Steffen. Nach der Schicht zusammensitzen, Weihnachten feiern und andere Team-Aktivitäten sind im Erlanger Restaurant seit Beginn der Pandemie gestrichen – genauso wie in vielen anderen Betrieben. 

Der Winter ist schon fast zu ende, als der Lockdown nochmal verlängert wird – bis 07. März 2021. Doch wann das Glüxrausch wieder öffnen darf ist nicht sicher. Mit dieser Unsicherheit ist Steffen nicht allein: denn für die Gastronomie ist bislang noch kein Ende des Lockdowns in Sicht.

Autorin: Laura-Grazia Indelicato