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Konzertreview: July Talk im E-Werk

Am Montag beehrte uns die kanadische Band July Talk im E-Werk Erlangen. Auf ihrer Europatour, die sie bis Ende März unter anderem noch in die Schweiz, nach Polen und Skandinavien führt, stellen sie ihr aktuelles und insgesamt zweites Album Touch vor, das im Herbst 2016 erschienen ist. Die Singleauskopplungen Push + Pull und Picturing Love hört ihr auch bei uns im Programm.

Nach den ersten Eindrücken aus dem neuen Album war ich gespannt und voller Vorfreude auf das Konzert. Doch da in der Konzertszene scheinbar nichts ohne Vorband läuft, musste ich mich noch etwas gedulden. Um Punkt 20 Uhr kamen Mozes And The Firstborn aus Amsterdam auf die Bühne und legten mit einer Art Garagenrock-Punk-Pop Attitüde los. Das war zum Einstieg durchaus passend und machte Lust auf mehr, allerdings waren die nächsten Songs eher unaufregend und so verfloss die halbe Stunde Vorspiel bis zum letzten Knaller, den die Band dann doch noch mal raushaute.

Nach einer Umbaupause kamen July Talk gegen 21 Uhr endlich zum Vorschein. Die Fans in der eher lose gefüllten Clubbühne sammelten sich um die Bühne und begannen schon beim ersten Song – für mich vollkommen unerwartet – zu tanzen! Überhaupt ist es mir in Franken bisher selten passiert, dass ein Publikum das komplette Konzert hindurch in Bewegung war (und damit meine ich kein zurückhaltendes Kopfnicken). Bei der Musik wäre es aber auch schwer gewesen, nicht mitzugehen, denn die Popelemente in den ansonsten eher kratzigen Rock/Grunge-Songs machen jedes Lied zu einem Hinhörer. Nicht nur die eingängigen neuen Songs lösten bei den Fans stürmischen Jubel aus (ich übertreibe nicht!), auch die älteren Songs konnten mich fast sämtlich überzeugen.

Das Highlight des Abends war auf jeden Fall der fast schon theatrale Auftritt von Sänger Peter Dreimanis und seinem weiblichen Pendant Leah Fay, die sich 2010 in einer Bar in Toronto kennengelernt und ihre Stimmen lieben gelernt haben. Er spielt den abgerissenen Rockstar mit weißem Hemd, Lederjacke und schwarzem Haarvorhang vorm Gesicht, hat eine rauchig dunkle Stimme. Sie bewegt sich über die Bühne wie eine Balletttänzerin, die ihre Erfüllung im Ausdruckstanz gefunden hat und singt hoch und klar. Zwischen beiden entspinnt sich bei jedem Song ein sehr dynamisches Verhältnis, das manchmal romantisch, manchmal eher zerstörerisch rüberkommt. Da sie in allen Songs beide singen und sich die Texte ergänzen, entsteht auf der Bühne eine knisternde Atmosphäre. Tatsächlich ist es mir noch nie passiert, dass ich dem Rest der Band so wenig Aufmerksamkeit geschenkt habe. Ich glaube den Drummer habe ich erst bemerkt, als er von der Bühne ging.

Peter und Leah sind absolut sympathische Menschen. Trotz seines ruppigen Erscheinungsbildes bedankte sich Peter immer wieder gerührt beim Publikum dafür, dass es überhaupt da war (vor ihrem ersten Konzert in Erlangen waren July Talk wohl nicht sehr zuversichtlich) und für den minutenlangen Applaus nach den einzelnen Songs. Leah begann von Anfang an einen Kontakt zu den Musikfans aufzubauen, indem sie den Leuten direkt vor der Bühne Fragen stellte, sie Songtitel ins Deutsche übersetzen ließ und am Ende von der Bühne kam und mit allen unter dem umfunktionalisierten Mikrofonständer Limbo tanzte.

Nach einer Stunde folgte die Verabschiedung, danach gab es noch die obligatorsichen Zugaben und nach etwa 90 Minuten war das Konzert vorbei. Durch die durchgängig hochenergetischen Songs, das Tanzen des Publikums (Temperatur und Luftfeuchtigkeit entsprachen zum Schluss eher einer Sauna) und das liebenswerte Auftreten der Band kam es mir aber nicht so kurz vor, weswegen der Zeitrahmen absolut in Ordnung ist.

Mein Fazit: Ein richtig gutes Konzert mit einer vielseitigen und hoch sympathischen Band. Jederzeit wieder!

Text: Julia Riese