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Lexikon des philosophischen Alltags: Zustände

Philosophieren ist keine Tätigkeit, sondern ein Zustand.

So steht es im Klappentext von Zustände, einem von vier Bänden aus der Reihe Dr. B. Reiters Lexikon des philosophischen Alltags. Einige ausgewählte Zustände von Asozial bis Zurechnungsfähigkeit, jeweils erläutert von unterschiedlichen Autoren, werden im dem Buch vorgestellt. Jedes Kapitel beginnt mit einer kurzen Darstellung der Begriffsherkunft, dann werden die Bedeutung des Wortes und die wechselnden Ansichten bekannter Philosophen darauf erläutert.

Als Beispiele soll der für Studenten besonders relevante Zustand der Muße dienen. Die Bezeichnung Muße kommt aus dem Alt- bzw. Mittelhochdeutschen und bedeutet neudeutsch, wie man dem Text entnehmen kann, chillen. Es wird die Bedeutungswandlung vom griechischen zum heutigen Verständnis von Muße beschrieben und eine Abgrenzung zum Müßiggang vorgenommen. Es folgt eine unterhaltsame Erklärung der Definitionen von Aristoteles, Platon, Adorno und anderen Bekannten, die die Muße entweder als das kreative Privileg einer Elite oder als stumpfsinniges Fortführen in der Arbeit erlernter Automatismen sehen. Letztendlich erhält die Muße eine Beschreibung als Zeitraum für “fröhliche Selbstreflexion” und “Raumzeit der Geborgenheit, Schmerzlosigkeit, Besänftigung und des Erkenntnisgewinns”. Der Begriff wird also sehr umfassend beleuchtet.

Das Lexikon der Zustände enthält einige ganz alltägliche Begriffe wie Tapetenwechsel, Travestie oder Rosenkrieg, Abstraktes wie Freiheit und Intuition sowie kulturgeschichtlich bzw. gesellschaftlich bedeutende Begriffe wie Punk, Phallos oder Matriarchat. Wie genau es zu dieser Auswahl der Zustände kam, bleibt offen. Aber man kann durchaus sagen, dass jeder davon über eine gewisse Relevanz verfügt. Am Ende der meisten Kapitel findet sich eine kurze Literaturliste, die die wichtigsten philosophischen Werke enthält. Wer also die Muße findet, sich endlich einmal mit den Philosophen und Theorien zu beschäftigen, die man “einfach kennen muss” (im Fall von Geisteswissenschaftlern ist das nicht nur eine Redewendung), dem bietet das Lexikon des philosophischen Alltags eine tolle, dennoch anspruchsvolle Möglichkeit für den Einstieg. Die Texte sind in gut verdauliche Häppchen gegliedert und zwar ernsthaft, aber nicht immer trocken formuliert. Nicht nur das Innenleben des Buches ist ansprechend, das matte dunkelgraue Design des Hardcovers macht es auch zu einem Schmuckstück fürs Bücherregal.

Text: Julia Riese