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#Killtherich

“Sein erster Beitrag sollte besonders sein. Stark und poetisch. Er schrieb: Africa wakes up #killtherich.” 

Das Buch beginnt also mit einem Hashtag. Was dann kommt, ist eine Geschichte voller Unruhen, Geld und vor allem Macht. Conrada van Pauli, Abgeordnete der Europäischen Union in Brüssel, ist auf dem Weg nach Südamerika, um dort in einem Konflikt zu vermitteln. Was als kleiner Funke auf einer eigentlich normalen Dienstreise beginnt, wird bald zu einem Lauffeuer aus Politik, Bürgerkriegen und Korruption. Auch in Indien sind die Auswirkungen des unscheinbaren Hashtags zu spüren: Dort wird der Journalist Bimal Kapor unfreiwillig in die Geschichte gesogen, als er sich am Tiefpunkt seiner Karriere und seines Privatlebens befindet. 

Und der Leser? Der Leser wird mitgenommen auf eine Reise rund um die Welt und findet sich wieder in einem Politthriller, der realer nicht sein kann. Das alles klingt erstmal nach einem sehr klassischen Politthriller. So weit, so gut. #killtherich hat mich aber an vielen Stellen fast schon gegruselt, so nah ist das Buch der Realität. Ich konnte es nicht aus der Hand legen – so abgedroschen es klingen mag. Ich bin eigentlich niemand sein, der eben solche Phrasen benutzt, tue es aber trotzdem, weil mir nichts Besseres einfällt. Genau deswegen erzähle ich dir, wie es für mich war, #killtherich zu lesen. 

Als erstes war ich überrascht, dass es so ein dickes Buch ist. Vier Tage später war ich überrascht, dass es schon vorbei war. Ich wusste nicht genau, worauf ich mich einlasse, nur, dass Lucas Fassnacht das Buch geschrieben hat.

Es geht, kurz gesagt, um die Ungerechtigkeiten in der Welt. Die einen haben viel, die anderen nichts und dann überschlagen sich die Ereignisse. Die Armen begehren gegen die Reichen auf – und das sehr blutig. Die Protagonisten Conrada und Bimal werden eher zufällig in die Ereignisse involviert und das ist echt eine Schlammschlacht. Oft kann ich nachvollziehen, was sie tun, denn sie sind eigentlich nur irgendwelche Leute, die zur falschen Zeit den falschen Job haben. Manchmal kann ich aber auch genau das nicht und zwar genau aus dem selben Grund. Die globalisierte Welt, die durch das Internet verbunden ist, solidarisiert sich. Aber nicht nur online als gesichtslose Masse, sondern im realen Leben auf der Straße. Wenn man sich anschaut, was gerade in Hongkong und anderswo in der Welt passiert, scheint die fiktive Geschichte immer mehr Realität als Fiktion zu sein. 

Lucas Fassnacht war für mich bisher der kulturbegeisterte Poetry Slammer, der schon einige Erfahrung im Schreiben hat. Seine älteren Veröffentlichungen waren aber voller kurzer Storys, die er auf der Bühne performt hat. Und mit performt meine ich diesen ganz eigenen Sprechstil, den Poetryslammer so haben und der das Genre Anfang 2000 berühmt gemacht hat, jetzt aber so ausgelutscht ist, dass ich jedes Mal in Tränen ausbrechen möchte, wenn es jemand nicht tut. Lucas ist in und um Nürnberg eine bekannte Größe. Er moderiert Veranstaltungen, gibt Workshops und veranstaltet die Lese-Trinkreihe “Lesen für Bier”. Jetzt hat er eben dieses Buch geschrieben und ich musste beim Lesen immer wieder denken: “Respekt”. Ich hätte dieses Buch nicht von ihm erwartet. Ich war oft so eingenommen von der Geschichte, dass ich das öfter vergessen habe. Aber immer, wenn ich eine kurze Pause eingelegt habe, zum Beispiel beim Aussteigen aus dem Zug, ist es mir siedendheiß wieder eingefallen, dass genau dieser Typ dieses Buch geschrieben hat.. 

Wenn ich innerhalb der vier Tage Nachrichten gelesen oder gehört habe, musste ich immer erst einen Moment nachdenken, ob das, was gerade in der Welt passiert, real ist, oder ob ich das einige Seiten vorher nur gelesen hatte. Das Kartenhaus der globalisierten Welt fällt in sich zusammen. Was in einem Land beginnt, hat Einfluss auf die ganze Welt. Die Charaktere in der Geschichte sind eher Schablonen, klassische Machthungrige auf der einen und gewissenhafte Gutmenschen auf der anderen Seite: Eine Protagonistin, die eher mit ihrer Arbeit verheiratet ist als mit ihrem Mann und deren Ehe in der Story auch beendet wird; rebellierende Studierende, die in eine Sache reingezogen werden, ohne genau zu wissen, was eigentlich abgeht; Skrupellose, die aus dem Chaos ihren eigenen Vorteil ziehen wollen. Diese eher klischeehaften Figuren haben mich aber kaum gestört, weil ich mich eher auf die Story konzentrieren konnte – und die hat es in sich. 

Am Ende stand ich da mit zwei Fragen: Was hätte ich in der Situation von Conrade und Bimal gemacht? Und ist die Welt wirklich so ausgebrannt und grausam? Die erste Frage muss ich zum Glück nicht beantworten, denn ich arbeite weder für die EU, noch bin ich ein alternder Journalist, der mit dem Neuen in der Welt zurechtkommen muss. Über die zweite Frage möchte ich lieber nicht nachdenken, weil ich mir ziemlich sicher bin, dass mir die Antwort nicht gefällt. Die finale Entscheidung muss Conrada alleine treffen: Entweder wählt sie das korrupte System, das sie kennt, oder sie lässt das Kartenhaus in sich zusammenfallen.

Mir persönlich hat das Buch aufgezeigt, wie wenig ich darüber weiß, wie die Welt gelenkt wird. Auf der anderen Seite bin ich echt froh, dass ich das manchmal gar nicht so genau wissen muss und mich einfach nur vier Tage durch ein Buch wühle, um genau das zu vergessen.

Text: Lea Kiehlmeier