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Kunstrekord aus der Dunkelkammer

Die Dunkelkammer – ein Ort, den Michael Zirn wie seine Westentasche kennt und für ihn Alltag bedeutet. Kein Lichtstrahl darf zu früh auf seine Kunstwerke fallen. Für die weltgrößte Fotoemulsion musste sich der Fotograf und Künstler aber ganz neuen Herausforderungen stellen. 

Zwei Bilder möchte Michael Zirn mit der Emulsion einstreichen. Im Rotlicht der Dunkelkammer lassen sich die bunten Farbkleckse nur schwer erkennen. „So soll das aber nicht sein“, erklärt der Künstler und betrachtet die Leinwand. „Die Emulsion sollte sich gleichmäßig verteilen.“  Nach wenigen Pinselstrichen legt er sie zur Seite und holt eine neue. Zu sehen sind viele kleine Perlen. Die Flüssigkeit hält nicht. Fünf Hintergründe testet Michael, bis er sich dazu entscheidet, einen davon zu nehmen. „Das nenn‘ ich mal aus der Not eine Tugend machen!“, sagt er und lacht. Er scheint mit dem Ergebnis zufrieden zu sein. Beim Verlassen der Dunkelkammer schnauft er schwer. „Da bin ich richtig ins Schwitzen gekommen.“ Schließlich will er zeigen, was seine Bilder so besonders macht und ohne die Emulsion funktioniert das nicht.

Wenn Michael in seinem Fotostudio ist, ist er nicht nur Fotograf, sondern auch Künstler. Der 66-Jährige besitzt ein eigenes Studio in Wassermungenau. Seit 1986 ist er dort mit seiner Firma Michael Zirn Photography selbstständig. Zu Beginn fotografiert Michael hauptsächlich zu Werbezwecken. Doch schnell löst das Digitale die analoge Fotografie ab und macht es dem Fotografen schwer, an Aufträge zu kommen. Für Michael ist das trotzdem kein Grund die Fotografie an den Nagel zu hängen. „Fotografie ist meine Leidenschaft“, erklärt er. Schon mit neun Jahren entdeckt der Künstler die Faszination der Dunkelkammer für sich und erhält später sogar zwei Foto-Preise. 

Besonders kreativ austoben kann er sich in seinem Fotostudio. „Ohne mein Studio könnte ich nicht mehr“, meint der Künstler mit leicht melancholischem Blick. Das Studio ist seit vielen Jahren sein Lebensmittelpunkt und Ursprungsort seiner Silbergelatine-Prints – von ihm auch Fotoemulsionen genannt.

Sein ehemaliger Lehrling Johannes Tribunesku beschreibt den Fotografen als talentierten Künstler und guten Freund. In seiner Lehre habe er viel gelernt, wurde von Michael aber auch mal ins kalte Wasser geworfen. Dem Fotografen liegt viel daran, den Kollegen die Möglichkeit zu geben sich auszuprobieren. Daher überlässt er die Kamera gerne mal den Neulingen. „Bei einem Shooting hat eine Kundin gefragt, warum bei Michael die Lehrlinge denn schon allein fotografieren dürfen.“, erzählt der Freund und Kollege. „Michaels Antwort war ganz einfach: ‚Ich vertraue meinen Lehrlingen.‘ Er kann schon auch mal die Zügel loslassen und Verantwortung abgeben.“ 

Auch sein ehemaliger Assistent Ricardo Alfaia erzählt, er habe viel von Michael gelernt, aber auch seine perfektionistische Seite kennengelernt. „Wir haben damals Fotos für einen Kunden gemacht und hatten um drei Uhr morgens dann endlich die Bilder im Kasten. Michael hat das Foto betrachtet und erklärt ‚eigentlich ist das Bild perfekt‘ “, erzählt der ehemalige Assistent. Aber eben nur eigentlich. Denn Michael entscheidet sich für neue Aufnahmen mit verändertem Licht.

Dass der Fotograf und Künstler nicht so schnell locker lässt wird auch deutlich, als er von seinem Projekt in Venedig erzählt. Im Jahr 2012 bekommt er den Auftrag von Pro Helvetia, die weltgrößte Fotoemulsion zu erstellen – gemeinsam mit zwei befreundeten Künstlern auf der Architektur-Biennale in Venedig. Im Schweizer Pavillon gestalten sie eine 286m² große Wandfläche mit der speziellen Foto-Technik. „Die Auftraggeber waren am Anfang sehr skeptisch, ob auch alles glatt laufen würde.“ Auf den ersten Blick scheint das Projekt beinahe unmöglich. Denn bei solchen Kunstwerken wird die mit Emulsion beschichtete Fläche durch einen Diaprojektor belichtet – so wie bei einer klassischen Fotografie auf Fotopapier. Anschließend muss sie drei Bäder durchlaufen: eines mit Entwickler, eines mit Fixierer und eines mit Wasser. Eine Wand kann man aber nicht einfach in eine Wanne legen. Das ist für viele der Grund zur Annahme, das Projekt könne scheitern. „Für erste größere Kunstwerke habe ich alte Tischtennisplatten zu großen Wannen umgebaut. Für die Wände waren die aber natürlich auch zu klein. Deshalb haben wir aus einem Gartensprühsystem einfach etwas Neues gemacht. Wir haben die Kunstwerke nicht mehr in ein Bad mit Entwickler und Fixierer gelegt, sondern die Flüssigkeiten einfach damit aufgesprüht.“ Damit entsteht das erste Werk mit der neuen Sprüh-Technik und kann direkt auf der Wand entwickelt werden.

Heute nutzt Michael Zirn seine Technik für jedes Kunstwerk. Für ihn ergibt sich aus der Möglichkeit, Bilder in jeder Größe und auf sämtlichen Materialien entwickeln zu können, eine neue künstlerische Freiheit. „Ich kann mich jetzt in dem, was ich mache, komplett frei bewegen.“, beschreibt der Fotograf. Er erkennt bald, dass auch andere Künstler diese Freiheit nutzen und nicht mehr auf die herkömmlichen Entwicklungsmethoden angewiesen sein wollen. Doch Michael will mehr Menschen mit seiner Kunst und seinen Ideen erreichen. Das bewegt ihn vor einigen Jahren dazu, Kurse zu seiner Emulsions-Technik zu geben. Er zeigt sich stolz, als ihn eine Nachricht von einer Teilnehmerin aus der Schweiz erreicht. „Sie war echt total begeistert!“ Er wirkt beinahe etwas verwundert. Dann schweift er wieder ab. Denn wenn Michael über seine Kunst spricht, findet er kaum ein Ende.

Zurück in der Dunkelkammer greift Michael zu einem von drei Sprühbehältern. „In dieser Flasche ist der Entwickler“, erklärt er und beginnt, eine Leinwand damit zu besprühen. Nach und nach erscheinen auf dem orange-gelb gestalteten Hintergrund die Gesichtszüge einer Frau. Ob der Künstler mit seinem neuesten Projekt zufrieden ist, lässt sich nur schwer erahnen. Eines hat er aber auf jeden Fall geschafft: Er hat die Kunst und die Fotografie um eine neue Technik bereichert.

Autorin: Laura-Grazia Indelicato