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Rezension: Fotoausstellung von Barbara Klemm

Ein fotografischer Parcours durch die Nachkriegsgeschichte. Nur noch bis zum 16. Januar zeigt das Erlanger Stadtmuseum eine Fotoaustellung von Barbara Klemm. Von Bildern der 68er-Bewegung bis zum Fall der Mauer ist alles dabei.

 

Da küssen sich Breschnew und Honecker, hier stehen Jugendliche auf der Berliner Mauer und dort raucht Helmut Schmidt genüsslich seine Pfeife – die Ausstellung der Fotografien von Barbara Klemm im Erlanger Stadtmuseum ist wie ein kleiner Parcours durch die letzten 50 Jahre der Nachkriegsgeschichte, in Deutschland und der Welt. 

Von 1970 bis 2005 prägte die 1939 in Münster geborene Barbara Klemm als Redaktionsfotografin der FAZ (Frankfurter Allgemeine Zeitung) 35 Jahre lang das Erscheinungsbild dieses großen deutschen Tagblatts und avancierte so zu einer der bekanntesten deutschen Reportagefotografinnen der Nachkriegszeit. Die Ausstellung aber umfasst einen noch größeren Zeitraum: Zu sehen sind auch ihre frühen Arbeiten ab 1967 und ihr Spätwerk, welches nach ihrer Pensionierung entstand und mit dem Jahr 2019 endet. Die sich über zwei Stockwerke erstreckende Schau kuratierte Barbara Klemm persönlich und gliederte sie nach thematischen Schwerpunkten: Portraits von Künstlern wie Warhol oder Beuys, Literaten wie Dürrenmatt oder Grass, Politikern wie Brandt oder Kohl, aber auch Bilder von ihren Reisen in die UdSSR kurz vor ihrem Zerfall und nach Russland der frühen 90er, die 68er-Bewegung und darüber hinaus ganz alltägliche Szenen beiderseits des Eisernen Vorhangs, etwa drei Papas mit Kinderwägen in einem Frankfurter Park. 

Klemms Fotografien sind wie Fenster zu zwar vergangenen, aber im kollektiven Bewusstsein auch weiterhin sehr präsenten Zeiten. Es sind Augenblicke, welche sie auf ihren Filmen für die Nachwelt fotochemisch festgehalten hat, und trotzdem wirken ihre Motive nie erstarrt, sondern immer lebendig und lebensecht. Und selbst wenn diese einen dokumentarischen Charakter innehaben, vermitteln ihre Bilder den Betrachtenden vielmehr ein Gefühl jener Zeiten, in welche Besuchende der Ausstellung eintauchen können. Ergänzt wird das visuelle Erlebnis durch persönliche Kommentare von Barbara Klemm zu einzelnen Bildern, welche durch das Scannen von QR-Codes mit dem eigenen Smartphone aufgerufen und angehört werden können. Darin erläutert die Fotografin nicht nur die Entstehungsumstände der einzelnen Lichtbilder, sondern erzählt auch von ihrem fotochemischen Labor, in welchem sie ihre Bilder stets selbst entwickelt hat. 

Die Ausstellung läuft noch bis zum 16. Januar 2022, Studierende zahlen für den Eintritt nur 2,50 Euro, donnerstags ist dieser von 17 bis 20 Uhr sogar frei, und zwar für alle. Es bietet sich außerdem an, bei dieser Gelegenheit auch der ständigen, sehr sehenswerten Dauerausstellung zur Erlanger Stadtgeschichte eine Visite abzustatten.

Autor: Martin Scherbakov