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Music-Making und KI

Bei KI in der Musik denkt man wohl meistens an einen automatisierten Hit-Generator. Doch wo wird KI tatsächlich im Alltag eines Musikproduzenten eingesetzt? Hobbyproducer Finn teilt seine Sichtweise.

Bild: Pixabay / ThorstenF

KI geistert als Buzzword aktuell durch alle möglichen Themengebiete, so natürlich auch die Musik. Die meisten Menschen assoziieren damit wohl etwas in der Richtung von generativen Tools wie Midjourney oder Sora. Dabei handelt es sich um Software, die aus Text-Anweisungen Musik generieren kann. Und teilweise klingt es auch schon so, als sei die generierte Musik menschengemacht. 

Die Frage, ob das, was heutzutage schon in vielen Studios verwendet wird, tatsächlich KI ist oder einfach nur Marketing, ist ein ganz anderes Thema. Grundsätzlich gibt es für Produzent:innen Werkzeuge, die als KI-Tools kategorisiert werden. Allerdings generiert ein großer Teil davon gar nicht selbstständig Töne, sondern erfüllt ganz andere Aufgaben. Deshalb möchte ich euch einen kleinen Einblick hinter die Studio-Türen geben.

Musikern, denen dieser Sound gefiel…. – KI als Inspirationsquelle

Auch Musiker:innen haben manchmal Schreibblockaden. Manchmal fehlen einfach Ideen für neue Melodien, Akkorde oder Rhythmen. Für dieses Problem gibt es inzwischen viele verschiedene Anwendungen, die dabei helfen sollen. Ein anschauliches Beispiel dafür ist die KI-Sample-Library:

Bild: Waves Audio Ltd. – KI Sample Library “Comos”

Eine Sample-Library ist eine Datenbank aus mehreren Gigabyte von Audioschnipseln. Pupsgeräusche, Trommel-Grooves, futuristische Soundeffekte – perfekt geeignet, um eine Songidee zu inspirieren. Eine solche Bibliothek zu verwalten und das Richtige zu finden ist aber eine Mammutaufgabe bei mehreren tausend Dateien. 

Diesen Job kann KI inzwischen leicht abnehmen. Sie kategorisiert die Sounds, liest Tempo und Tonhöhe aus und kann schnell Dateien aussuchen. Das Neue an der Sache ist aber, dass sich das Suchprogramm nicht an Dateinamen und Tags orientiert, sondern einfach in die Sounds “reinhört” und sie sortiert . Der Vorteil: Niemand muss mehr selbst in alle Clips reinhören, sie mühsam in die Datenbank einpflegen und dann ewig suchen. Jedoch kann es dabei auch zu Problemen kommen  – es passiert zum Beispiel häufig, dass Instrumente falsch erkannt werden. Ein Pfeifen ist dann plötzlich eine Flöte oder ein tiefes Saxophon-Riff ein cineastischer Effekt. Je besser eine KI aber trainiert ist, desto seltener kommt dieses Problem vor.

Dieser Sound kann Spuren von KI enthalten – KI im Software-Hintergrund

Ein weiterer großer Teil der KI im Studio läuft aber im Hintergrund, ohne dass Produzent:innen davon etwas mitbekommen müssen. In der Regel werden sie eingesetzt, um Soundeffekte wie Verzerrung, Filter und Raumhall auf Aufnahmen anzuwenden. Das ist auch die Art KI, mit der ich als Hobby-Producer am häufigsten in Kontakt komme. Meistens wird dabei, mit Hilfe von neuronalen Netzen, die charakteristische Akustik von berühmten Mikrofonen, Gitarren-Verstärkern oder Hall-Kammern imitiert. 

Bild: Apple Inc. – KI Saturation-Software “Chroma Glow”

Solche Effekte gehören zum Alltag in der Musikproduktion, bisher basieren sie aber auf anderen Techniken als KI, z.B. physikalischer Modellierung, einfachen Algorithmen oder elektrischen Schaltkreisen. Bei denen kann man noch relativ gut nachvollziehen, wie die Effekte entstehen. Bei KI hingegen ist das deutlich schwieriger, auch weil der Prozess sehr viel abstrakter ist. Abgesehen von leichten Qualitätsunterschieden und eventuell etwas einfacherer Bedienung merkt man dabei aber häufig keinen großen Unterschied zu Software ohne KI. 

Das helfende Händchen – KI als Tonassistent

In einer Sache ist KI bekanntlich besonders gut: Systematische Aufgaben zu automatisieren. Egal ob Excel-Tabellen ausfüllen, Katzenfotos erkennen oder Auto-Routen planen – solche Fleißaufgaben an eine KI weiterzugeben, schafft meist Zeit und Energie, anderen anspruchsvollen und oft auch erfüllenden bzw. kreativen Aufgaben nachzugehen. 

Ein Beispiel aus dem Studio ist hier das sogenannte Mastering. Darunter versteht man den letzten Feinschliff am sonst fertigen Song, der häufig einer der längsten Prozesse in der Musikproduktion ist. Ziel ist es, den Track auf vielen verschiedenen Lautsprechern und Kopfhörern so gut wie möglich klingen zu lassen. Dabei geht es darum, Lautstärke, Stereobild und Dynamik so zu optimieren, dass alle Zuhörenden ein optimales Klangerlebnis bekommen. Was genau geändert werden muss, lässt sich hier an objektiven Klangeigenschaften messen. 

Eine KI ist damit perfekt fürs Mastering geeignet: Sie erkennt Muster in Sound und Bearbeitung und lernt, wie er noch verbessert werden könnte. Natürlich gibt es auch dort persönliche Vorlieben und Geschmäcker – Klang ist und bleibt subjektiv. Eine Empfehlung oder einen ersten Entwurf kann ein KI-Assistent aber schon austüfteln. An den muss man sich wie bei allem nicht halten, aber häufig ist es ein guter erster Schritt, der viel Zeit einspart. 

Der akustische Elefant im Raum – KI generiert Ton

Kommen wir nochmal auf die Frage zurück: Gibt es KIs, die selbst neue Songs nach Prompt erstellen können? Die Antwort: Ja!

Es gibt inzwischen natürlich KI-Tools, die in der Lage sind, ganze Songs binnen Sekunden zu generieren. Über die Qualität kann man diskutieren, aber diese Technik existiert. Und auch wenn sie immer mehr zum Einsatz kommen wird, glaube ich nicht, dass diese Entwicklung das Ende der Musik, wie wir sie kennen, bedeutet. Wie bei allen Arten von Kunst gilt: Künstler:innen erschaffen um des Erschaffens Willen (zumindest die meisten). 

Ein ganz anderes Thema ist Voice-Cloning, also das Nachstellen von Stimmen mit vorgegebenem Text. Es gibt vertretbare Verwendungszwecke wie das Verewigen verstorbener Prominenter. Damit kann und wird allerdings bereits sehr viel Verwerfliches getrieben – beispielsweise nutzen Trickbetrüger:innen gerne solche Software. Für die Produktion bietet diese Technologie aber den Vorteil, Stimmaufnahmen anzupassen und auszutauschen, auch mal von männlich auf weiblich zu wechseln. Wichtig ist dabei aber auch immer, dass die Stimmen-Models dafür ihr Einverständnis gegeben haben, dass ihre Stimme zum Training der KI genutzt wird. Und das gilt sowohl bei bekannten Sänger:innen als auch bei Verstorbenen, die durch KI noch digital weiterleben.

Der Blick nach vorne – Welche Grenzen setzen wir der KI?

Also wird Helene Fischer durch eine Schlager-KI “Hannah Floristin” ersetzt? Vielleicht…? (Das wäre zumindest amüsant). Natürlich wird das die Studiband „Makkaroni mit Sahne” nicht davon abhalten, das zu tun, was ihnen am meisten Spaß macht: Musik zu kreieren, währenddessen Gras zu rauchen und eine geile Zeit zu haben. Vor allem im kommerziellen Bereich wird es aber wahrscheinlich zu einigen Veränderungen kommen. Welthits oder nervige Werbemusik werden eventuell zukünftig von KI generiert. Das kann auch einen Einfluss auf die Jobs mancher Kreativen haben. Aber auch unter den großen Labels gibt es abweichende Meinungen, wie mit KI in der Musikindustrie umgegangen werden soll. Beispielsweise warnt Sony Music vor KI-Nutzung in der Branche, während Universal Music aktiv am Einsatz weiterforscht. Klar ist aber: Die Branche wird sich durch KI verändern müssen, wie jede andere kreative Branche auch. Ob das gut ist, darüber lässt sich streiten. Menschen wollen sich aber weiter künstlerisch ausdrücken und werden das auch weiter tun – und wenn ihnen die KI die lästigen Aufgaben dabei abnimmt, bleibt vielleicht Zeit, noch mehr coole Songs zu produzieren. 

Auf eine Sache können wir uns aber, denke ich, fast alle einigen: KI sollte, wie jede neue Technologie, ein Helfer sein und nicht mehr. Ein Ziel von Fortschritt ist es, uns Menschen die Arbeit zu erleichtern. Wie bei vielen Neuerungen kann sie aber auch für moralisch Zweifelhaftes genutzt werden – man denke zum Beispiel an elektrischen Strom und den elektrischen Stuhl. Wie Technologie eingesetzt wird, liegt (bisher) immer an uns Menschen. Wir können die KI verwenden, um Leuten gegen ihren Willen Worte in den Mund zu legen, oder wir können sie nutzen, um uns das Leben etwas einfacher zu machen. Eine Sache steht fest: Wir sollten die Entscheidung treffen, was KI machen darf und was nicht. Das gilt nicht nur für große Firmen oder die Politik, sondern für jeden Einzelnen von uns, der mit KI hantiert.

Autor: Finn Tobien