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Album der Woche KW 06: Kraftklub – Sterben in Karl-Marx-Stadt

Ein letzter, unkontrollierbarer Rave. So stellen sich Kraftklub den Tod vor. Und genau um dieses Gefühl geht es in ihrem neuen Album „Sterben in Karl-Marx-Stadt“.

Bild:  Philipp Gladsome

Hundert Körper bewegen sich im gleichen Takt. Irgendwann verschwimmt alles – ob man springt, tanzt oder einfach nur mitgerissen wird. Stimmen verschmelzen, alles ist laut, eng und überwältigend, und trotzdem fühlt es sich nach Freiheit an. So stellen sich Kraftklub den Tod vor. Ein letzter, unkontrollierbarer Rave. Und genau um dieses Gefühl geht es in ihrem neuen Album „Sterben in Karl-Marx-Stadt“.

Der Titel klingt im ersten Moment hart und endgültig. Fast so, als würde hier etwas abgeschlossen werden. Doch das Gegenteil ist der Fall. Kraftklub macht aus dem Thema Tod keine düstere Platte, sondern ein Album, das sich trotz aller Endlichkeit nach Leben anfühlt. Es geht weniger um Abschied als um das Bewusstsein, dass Zeit begrenzt ist – und dass man genau deshalb alles intensiver wahrnimmt.

Inspiriert wurde diese Sichtweise unter anderem durch eine Reise nach Mexiko. Dort erlebte die Band den Día de los Muertos, den Tag der Toten.  Am 1. und 2. November kommen die Seelen der verstorbenen Angehörigen zu Besuch. So der Glaube. Ein Fest, bei dem der Tod nicht verdrängt wird, sondern gefeiert wird, mit den verstorbenen Seelen. Dabei gibt es allerlei gute Musik, Farben, Erinnerungen, gutes Essen und ein gemeinsames Gedenken. Die verstorbenen Seelen sind Teil des Lebens. Diese Haltung hat Kraftklub in ihre eigene Welt übersetzt. Nicht still trauern, keine Angst vor dem Tod, sondern leben, solange es geht und den Tod feiern.

Das hört man besonders im Song „Wenn ich tot bin, fang ich wieder an“. Der Titel ist erstmal widersprüchlich, doch dahinter steckt genau dieser Gedanke: Selbst das Ende wird nicht als Stillstand gedacht, sondern als Energie, als Bewegung. Das ist typisch Kraftklub. Diese Mischung aus Ironie, Lautstärke und Ernsthaftigkeit, bei der man erst später merkt, wie viel eigentlich zwischen den Zeilen steckt.

Auch der Albumtitel selbst ist mehr als nur Provokation. Karl-Marx-Stadt ist der alte Name von Chemnitz, der Heimatstadt der Band. Diese Stadt zieht sich schon immer durch ihre Musik. Früher klang das oft nach Wegwollen, nach Aufbruch, nach „hier hält mich nichts“. Jetzt wirkt es eher wie ein ehrliches Anerkennen: Man kommt vielleicht weg, aber man kommt nie ganz los. „Sterben in Karl-Marx-Stadt“ fühlt sich deshalb wie ein Zurückkommen an. Die Stadt ist nicht schön geredet, aber sie ist Teil der eigenen Geschichte.

Was Kraftklub außerdem besonders macht, ist ihre Selbstironie – und die endet nicht bei Songtexten. Diese Band lebt ihren Humor. Sie haben schon ein Album mit einer Fake-Band angekündigt und Konzerte mitten im Set mit einer anderen Band getauscht. Dieses „Wir nehmen uns selbst nicht zu ernst“ zieht sich auch durch das neue Album. Selbst wenn es um große Themen geht.

Auffällig ist auch die Zahl der Gäste auf der Platte. Während Features bei früheren Alben eher selten waren, sind es diesmal gleich vier – und alle wirken nicht wie bloße Zusatzstimmen, sondern wie fester Bestandteil der Songs. Statt musikalisch komplett neue Wege zu gehen, experimentieren Kraftklub hier eher mit Stimmen, Perspektiven und Energie. Das Album ist deshalb nicht radikal anders, sondern wirkt sicher und durchdacht. Eine Band, die seit Jahren große Konzerte spielt und genau weiß, wie Dynamik funktioniert.

Natürlich fehlt auch die politische Haltung nicht. Kraftklub waren nie eine Band, die sich raushält. Aber sie arbeiten nicht mit einfachen Parolen, sondern zeigen Widersprüche. In Songs wie „So rechts“ geht es zum Beispiel darum, wie Menschen im Laufe der Zeit Haltungen entwickeln, die sie früher selbst kritisiert hätten. Dabei nimmt sich die Band nicht aus. Niemand ist immun.

Am Ende ist „Sterben in Karl-Marx-Stadt“ kein Album über den Tod. Es ist ein Album über das Bewusstsein, dass alles irgendwann endet. Und genau daraus entsteht eine gewisse Dringlichkeit. Alles sagen, solange man kann. Feiern, solange man kann. Leben solange man kann.

Kraftklub klingen hier nicht wie eine Band, die jünger wirken will, als sie ist. Sondern wie eine, die weiß, dass sich Dinge verändern – und genau deshalb noch einmal alles rausholt. „Sterben in Karl-Marx-Stadt“ ist laut, ehrlich, manchmal übertrieben, manchmal nachdenklich, aber vor allem eines: sehr lebendig.

Autorin: Sarah Zimmermann

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