Es existiert kaum eine so männerdominierte Szene wie der Motorsport. Egal welche Disziplin, ob im Cockpit oder im Paddock. Im Gegensatz zu anderen Disziplinen stellt Rallye eine Ausnahme dar.

Motorsport kann grundsätzlich ein Sport für alle sein. Die Grundvoraussetzungen sind weniger körperabhängig als in den meisten anderen Sportarten. Dafür sind die finanziellen Mittel meistens viel wichtiger. Dennoch ist der Profibereich bis heute ein sehr exklusiver Kreis, der von Männern dominiert wird. In den höchsten Klassen gab es bis heute 116 Formel 1- und 39 MotoGP-Rennsieger. 81 Fahrer konnten einen WRC-Lauf gewinnen. Die Rallye Dakar hatte 46 verschiedene Sieger, LeMans 152, NASCAR 36 und die Indy 500 über 70. Zu diesen über 500 Männern gesellen sich exakt zwei Frauen. Die Diskrepanz geht mittlerweile so weit, dass es Motorsport-Serien nur für Frauen gibt. Es soll hier aber nicht darum gehen, warum so wenig Frauen bis heute gewinnen konnten oder überhaupt antreten. Diese Reihe soll den Frauen einen Raum geben, die es geschafft haben, in einer männerdominierten Welt mehr als nur ein Ausrufezeichen zu setzen. Zum Glück ist diese Liste unvollständig, da sich ein gesamter Überblick nicht auf ein bis zwei Seiten klatschen lässt.
Im ersten Beitrag zeigte sich schon, dass Frauen in der Formel 1 eher eine Seltenheit sind. Die Zeichen deuten dort aber auf Veränderungen hin. Eine Disziplin, in der Frauen schon viel erfolgreicher und einflussreicher sind als in irgendeiner anderen, ist der Rallye-Sport. Im Gegensatz zur Formel 1 und den meisten anderen klassischen Motorsportarten wird hier nicht auf einer abgesperrten, extra dafür gebauten Strecke im Kreis gefahren. Es geht von A nach B, so schnell es geht. Die Strecke wird abgesperrt, so gut es geht, und das war’s dann auch schon fast. Unter Rallye an sich stecken viele verschiedene Unterdisziplinen. Die alle hier abzudecken wird ein bisschen schwierig. Lasst uns also einmal zumindest auf die prestigeträchtigsten unter ihnen blicken und auf die Frauen, die hier besonders glänzen konnten.
Die höchste Klasse der klassischen Rallye ist bis heute die WRC (“World Rally Championship”). Sie hat oft ihr Gesicht und ihre Fahrzeuge gewechselt, aber die Grundidee existiert bereits seit 1972 und wird jedes Jahr ausgerichtet. Sucht man hier nach bekannten und erfolgreichen Fahrer:innen, braucht es tatsächlich nicht lange, bis die erste Frau genannt wird: Michèle Mouton. Sie war zwischen 1974 und 1986 in der WRC aktiv und konnte dabei als erste Frau Siege erringen. Bis zum Anfang der 80er-Jahre arbeitete sich die Französin Stück für Stück näher an die Spitze des Sports heran. Ihre Ausdauer wurde 1981 mit einem Wechsel zu Audi und ihrem ersten Sieg bei der Rallye Sanremo in Italien belohnt. Im darauffolgenden Jahr lag sie in der Fahrerwertung zwischenzeitlich auf Platz 1. Am Ende musste sie sich nur aufgrund von Ausfällen in Finnland und der Elfenbeinküste Walter Röhrl knapp geschlagen geben. Insgesamt konnte sie in ihrer gesamten Karriere 4 Siege und 162 WM-Punkte einholen. Damit ist sie bis heute nicht nur die erfolgreichste Frau in der WRC, sondern zählt auch zu den erfolgreichsten Fahrer:innen überhaupt. Nach ihrem Karriereende blieb sie dem Sport noch lange erhalten und wurde 2011 sogar zur Managerin der gesamten WRC ernannt. Neben Mouton sind allerdings noch viele andere Frauen in der WRC an den Start gegangen. Darunter befinden sich zum Beispiel Pat Moss, die vor der Entstehung der WRC in diversen Rallyes aktiv war und bei der legendären Rallye Monte Carlo sogar Platz fünf und drei erreichen konnte. Insgesamt sind bis heute über 280 Fahrerinnen bei einem oder mehreren WRC-Läufen an den Start gegangen. In den letzten Jahren konnten aber deutlich mehr Frauen für Aufmerksamkeit sorgen. Vor allem in den Juniorenbereichen und den Klassen unterhalb der WRC – also WRC2 und WRC3 – gab es einige Erfolge, die Frauen verzeichnen konnten. 2022 stand sowohl in der WRC2 als auch der WRC3 eine Frau auf dem Gesamtsieger-Treppchen.
Neben der WRC als höchste Klasse der Rallye ist besonders ein Event noch mit sehr viel Prestige verbunden: Die Rallye Paris-Dakar (bzw. heute nur noch Rallye Dakar). Dieses Event findet seit 1978 jährlich mit ein paar Ausnahmen statt und ist ein Ausdauertest für Mensch und Maschine. Zwischen 1978 und 2008 fuhren hier Fahrer:innen auf verschiedenen motorisierten Untersätzen wie Trucks, Motorrädern oder Autos von Europa (ursprünglich Paris, später Lissabon) nach Dakar. Zwischen 2009 und 2020 wurde die Veranstaltung nach Südamerika verlegt und seit 2020 geht die Strecke durch die saudi-arabische Wüste. Strecke ist hier allerdings nicht unbedingt die passende Bezeichnung. Ähnlich wie in der WRC ist der Weg nicht präpariert. Jedoch ist hier noch nicht mal wirklich eine Strecke vorhanden. Stattdessen existieren sogenannte Checkpoints, die erreicht werden müssen. Dazwischen ist die gewählte Strecke quasi freigestellt. In diesem Event konnte bis heute nur eine einzige Frau den Gesamtsieg holen. 2001 erreichte Jutta Kleinschmidt vor ihrem Teamkollegen Hiroshi Masuoka und 102 anderen Fahrer:innen als erste in Dakar das Ziel. In ihrer Karriere war das allerdings keine Ausnahmeerscheinung. Im gleichen Jahr gewann sie außerdem die Baja Italien und wurde Zweite in der Rallye Marokko, der Master Rallye und der Por Las Pampas Rallye. Ihren Erfolg bei der Rallye Dakar konnte sie zwar nicht wiederholen, dennoch wurde sie im folgenden Jahr Zweite und 2005 Dritte. 2004 wurde sie im Radrennen Race Across America außerdem Zweite. Im Anschluss an ihre Karriere ist sie, ähnlich wie Michelle Mouton, ihrem Sport treu geblieben und wurde 2019 zur Präsidentin der Cross Country Rallye Commission ernannt.
Im Gegensatz zur Formel 1 sind Frauen also in der Rallye deutlich erfolgreicher und involvierter. Mit zwei Frauen an der Spitze der WRC und der Cross-Country Rally sind hier Entwicklungen zugunsten von Frauenförderung auch nicht ganz unwahrscheinlich.
Autor: Moritz Meckl

