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Album der Woche KW 24: Das Weiße Album – Haftbefehl

Bild: Robert Wunsch

Am Freitag, dem 5. Juni,  ist nach fünf langen Jahren wieder ein Haftbefehl Soloalbum veröffentlicht worden. Der Begründer einer neuen HipHop Ära in Deutschland feiert damit sein von vielen Fans lang ersehntes Comeback. Haftbefehl besitzt im Deutschrap seit seinem ersten Album ca. 2010 eine Sonderstellung. Ein Pionier auf seinem Gebiet, denn Haft hat den Kanackisrap in Deutschland erst richtig groß gemacht. Kennzeichen sind sein Flow, seine Reimtechnik und die Betonungen in seiner Stimmlage. Dieser Slang und Hinterhofjargon bestimmte jahrelang den Sound auf dem Schulhof. Seine Pionierrolle setzt Haftbefehl auch selbst in Szene. Im Song “Trapking” sagt er: “Ich hab’ die Sprache verändert in diesem Land – Mann, fick Hip Hop”.

Wenn sich Mozart und Beckham die Hand reichen

In den letzten Releases von Haftbefehl war der Grundton immer relativ offensiv, konfrontativ. Im großen und ganzen verbinden die Meisten mit Haftbefehl seine Songs in Richtung “Copkilla” oder “Lass die Affen aus dem Zoo”. Normalerweise hätte man erwartet, dass die erste Singleauskopplung im neuen Album wieder einen ähnlichen Ton findet. Das neue Album ist anders, aber das überrascht nicht. Denn Haftbefehls Musikwerdegang hat einige Parallelen zu dem Bob Dylans. Haftbefehls erste Alben waren tatsächlich relativ tiefsinnig und nicht nur auf die Fresse wie die späteren Alben. Dieses Image hat Haftbefehl dann erst von der Presse bekommen. Bei Bob Dylan war das ähnlich, er wollte eigentlich überhaupt kein Protestsänger sein, wurde aber dann von der Presse dazu erklärt und hat diese Rolle dann erfüllt. Auch Haftbefehls folgende Alben haben dem Klischee eines Gangster- und Straßenrappers deutlich mehr entsprochen als sein allererstes Album. Das er aber nicht, wie andere Rapper nur das idealisierte Bild des Scarface oder Al Capone vermittelt, zeigt er in jedem seiner Alben mindestens einmal. Zu Beginn seiner Diskographie zum Beispiel mit “Azzlacks sterben jung” oder mit “Narben bleiben”. Daraufhin startete er auf dem Album Russich Roulett dann mit der 1999 Serie. Haftbefehl beschreibt auf diesen Tracks, wie sein Leben 1999 war und will damit den Hörerinnen und Hörern einen Einblick in die Anfänge eines Gangsterlebens geben. Normalerweise haben sich diese Rückblenden immer auf die Tracks beschränkt, die mit 1999 Part 1-x bezeichnet waren. An der Singleauskopplung “Bolon” sieht man, dass er nun auch außerhalb dieser Reihe von seinem Leben und seiner Jugend erzählt. 

Warum fünf Jahre seit dem letzten Album vergangen sind, erfahren die Hörenden im Track 1999 Part 5. Mitten im Song kommt eine Bridge in Form einer Sprachnachricht, die Haftbefehl seinem Produzenten geschickt hat. Darauf erklärt er ihm, und mit der Veröffentlichung auch seinen Fans, dass er eine Auszeit braucht. An der Sprachnachricht kann man wirklich gut nachvollziehen, dass er sich beim Album viele Gedanken gemacht hat. Außerdem Haftbefehl inzwischen Vater. Auch das und die Beziehung zu seinem Vater kann auf dem Song “Papa war ein Rolling stone” gehört werden. 

Zusammenfassend beantwortet das Album also viele Fragen, die Fans sich die letzten Jahre gestellt haben. Hafti hat sich seinen ganzen Schmerz von der Seele geschrieben und das das Album so grandios ist, erkennt man daran, dass es einem trotz der deepen Songs nicht anfängt zu langweilen. Für mich bleibt aber der Eindruck, den man auch bekommt wenn man die Autobiographie von Thomas Gottschalk liest. Als würde ein alter Mann auf sein Leben zurückblicken. Gut, dass es Songs gibt, die flowmäßig an Russisch Roulette und Unzensiert erinnern.

Autor: Max Schmid