web

Rezension: “Convenience Store Woman” von Sayaka Murata

“This place really doesn’t ever change, does it?”

Jeder hat mal das Gefühl, in eine bestimmte Gruppe nicht reinzupassen. Die Art wie die Gruppe spricht, sich kleidet, sich verhält oder die Dinge, die sie tut, erscheinen uns fremd und vielleicht sogar komisch. Bei Keiko Furukura, der Protagonistin aus dem Buch Convenience Store Woman, ist diese Gruppe aber die gesamte Gesellschaft. Keiko hat schon in ihrer Kindheit gemerkt, dass sie nicht zu den anderen Kindern passt und hatte nie wirklich Freunde. Sie weiß nicht, wie man sich in der Umgebung anderer Menschen verhält oder sich mit Menschen unterhält. 

Ein Lichtblick ist für Sie die Stelle als studentische Aushilfe in einem Convenience Store, den Keiko mit 18 Jahren bekommt. In Deutschland lässt sich ein Convenience Store mit einem Späti vergleichen, der rund um die Uhr geöffnet hat und Dinge für das tägliche Leben verkauft. Sie erhält dort Richtlinien, wie sie mit den Kunden zu sprechen hat, mit welcher Hand sie an der Kasse welche Bewegungen machen muss, welche Kleidung sie unter ihrer Uniform tragen darf und wie Sie Haare und Fingernägel tragen darf. Zum ersten Mal in ihrem Leben gehört Keiko damit zu einer Gruppe, die sich mit Hilfe des Corporate Manual von anderen Menschen und Kunden abgrenzt. So lange Sie eine Uniform trägt, ist Keiko ein akzeptierter Teil der Gesellschaft. 

So kommt es auch, dass sie 18 Jahre später, mit 36 Jahren, zwar ihr Studium geschmissen hat, aber immernoch Teilzeit in dem Convenience Store arbeitet. Gesellschaftlich akzeptiert ist eine Teilzeitstelle zwar für eine 18 jährige Studentin, kaum aber für eine erwachsene Frau Mitte 30. Wenn Keiko bei Freunden ihrer Schwester eingeladen ist, sind diese Fragen daher ständig Bestandteil einer Diskussion, an der alle außer Keiko gerne teilhaben. Warum hast du keinen Mann? Warst du schon einmal verliebt? Warum arbeitest du nur Teilzeit? Und auch noch in einem Convenience Store? Keiko war nie in einer Beziehung, war nie verliebt und hat keinerlei Sehnsucht nach diesen Dingen. Für ihre Arbeitskollegen und Bekannten wird das aber immer mehr zum Aufhänger. Keikos Art zu Leben wird von niemanden in ihrer Umgebung respektiert oder toleriert. 

Schließlich beginnt im Convenience Store ein neuer Mitarbeiter, Shiraha, zu arbeiten. Das verändert Keikos Leben nachhaltig. Es geht nicht um Liebe, nicht um eine Beziehung, nicht um finanzielle oder soziale Sicherheit. Es geht um den Anschein von Normalität. Kann das am Ende funktionieren?  

Convenience Store Woman ist ein großartiges Buch einer großartigen Autorin. Die schlechten Bewertungen auf Amazon haben alle denselben Inhalt: Die ersten Kapitel sind “sehr langweilig” geschrieben. Dabei sind stilistische Mittel wie diese genau das, was den Reiz des Buchs ausmacht. Solange Keikos Leben im Stillstand, in der Routine ist, ist auch der Schreibstil ruhig. Mit der Wallung, die in das Leben der Protagonistin kommt, ändert sich schließlich auch die Schreibweise des Buchs. 

Murata führt auf eine großartige Weise vor Augen, wie engstirnig wir in sozialen Belangen oft unterbewusst sind und dass wir uns seit der Steinzeit in unserem Gruppen- und Paarungsverhalten nicht weiterentwickelt haben (Diesem Punkt stimme ich allerdings nur ansatzweise zu). Wer beim Lesen des Buchs Marx im Hinterkopf hat, der wird sicherlich auch einige Bezüge auf “Das Kapital” bei Murata finden. Aber nicht nur in Fragen der Liebe, Sexualität und Normalität verdeutlicht Convenience Store Woman die vorherrschenden Normen. Auch in Bezug auf Konsum und das Konzept des Ladengeschäfts zeigt das Buch die Realität des 21. Jahrhunderts auf. 

Der partizipatorische Aspekt des Buches sollte ebenfalls nicht vergessen werden: Frauen über 30 Jahren sind besonders intersektionalen gesellschaftlichen Zwängen ausgesetzt. Die Norm, als Frau Kinder zu bekommen ist nicht nur in der japanischen Gesellschaft tief verankert. 

Alles in allem ist es beeindruckend, wie viele Themenkomplexe auf 160 Seiten in dieser Tiefe behandelt werden können. Es zeigt aber auch, dass viele Probleme der modernen Welt eng miteinander verschlungen sind und eine einzelne Betrachtung verschiedener Phänomene kaum möglich ist. 

Ich möchte das Buch Allen ans Herz legen, die entweder im Verkauf arbeiten, sich für die japanische Gesellschaft interessieren, sich für die Auswirkung von Normen und Werten interessieren oder die sich manchmal einfach nicht ganz “normal” fühlen.

Autor: Max Schmid