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Rezension: Windstärke 17

Der Roman 22 Bahnen feierte riesige Erfolge und wurde sogar erfolgreich verfilmt, doch sein Nachfolger wird völlig unterschätzt. Warum Windstärke 17 von Caroline Wahl für mich das bessere und ehrlichere Buch ist.

Bild: funklust e.V.

Windstärke 17: Warum dieser Roman mehr Aufmerksamkeit verdient

Als der Debütroman 22 Bahnen 2023 erschienen ist, wusste Caroline Wahl gar nicht, wie gut er ankommen wird. Dieser brachte ihr nicht nur viele Auszeichnungen, sondern auch den Durchbruch. Doch dieser Verkaufsschlager überschattet die eigentliche Leistung von Caroline Wahl. Denn die Fortsetzung, Windstärke 17 (erschienen 2024), ist nicht wie gewöhnlich langweilig oder nur mittelmäßig. Sie wird viel zu unterschätzt und zeigt erst dort das besondere Talent von Caroline Wahl. 

Der erste Teil beschreibt die Herausforderungen in einer Familie mit einer psychisch kranken und sozial schwachen Mutter aus der Sicht der älteren, sehr strukturierten Schwester Tilda, die sich zwischen ihrem Mathe-Studium und der Fürsorge für ihre kleine Schwester bemüht. In Windstärke 17 wechselt nun die Perspektive zu Ida. Ihre Erzählung setzt nach einem schweren Verlust ein: Sie ist völlig überfordert, kommt sich wie eine Last vor und flieht spontan nach Rügen. Dort strandet sie in einer kleinen Kneipe, findet eine Art neue Familie und verliebt sich. Für mich ist das Buch kein einfacher Nachfolger, sondern geht weitaus mehr in die Tiefe: Die Geschichte ist realistischer, emotional näher und erzählerisch stimmiger geschrieben.

Menschlich statt perfekt konstruiert

Windstärke 17 lebt von menschlichen Widersprüchen. Was Ida zu so einer spannenden Protagonistin macht, ist ihre Widersprüchlichkeit, die sich stellenweise in hohen Erwartungen an sich selbst, manchmal aber auch in Trotz und völliger Blockade äußert. Ida weiß eigentlich ganz genau, warum und wie sie aus Fehlern lernen müsste. Aber sie tut es sich selbst zum Trotz einfach nicht. Dieses Verhalten ist auch teilweise durch das traumatische Familienumfeld mit der zum Beispiel psychisch kranken Mutter geprägt. Dabei steht sie sich oft selbst im Weg. Als sie eine Absage für ihr Traumstudium in Leipzig erhält, bewirbt sie sich aus verletztem Stolz nirgendwo anders mehr. Sie nimmt die Reue in Kauf und unterschätzt, wie sehr sie das belasten wird. Bei ihr gilt das Prinzip: Alles oder nichts.

Dieses Muster prägt auch ihre Beziehungen. Sie lässt sich entweder ganz umsorgen oder gar nicht. Selbst wenn sie Unterstützung bräuchte. Das zeigt sich besonders am Auszug ihrer großen Schwester Tilda, der schon in 22 Bahnen stattfand und sie nachhaltig beeinflusst hat. Tilda hatte damals einen durchdachten Sechs-Monate-Plan erstellt, um Idas Selbstständigkeit aufzubauen, doch Ida wusste überhaupt nichts davon. In ihrer Wahrnehmung kam der Auszug plötzlich und rücksichtslos. Das löst bei Ida also eine tiefe Wut aus. Es kommt Ida vor, als ob Tilda sie wegen der Familiensituation alleine lässt und auch weniger besucht. In den Momenten, in denen Tilda da war, hatte Ida das Gefühl, sich anpassen zu müssen. Von den ganzen Emotionen weiß Tilda aber gar nichts, weshalb sich die Beziehung der Schwestern distanziert. Es fehlt an sich nur an Kommunikation. Doch wenn Ida mit ihren Gefühlen überfordert ist, antwortet sie nicht. Sie versucht ihren Gefühlen zu entkommen. Sie ghostet also, aber nicht mit böswilliger Absicht. Ihre spontane Flucht nach Rügen ist letztlich nur die analoge Version dieses Schweigens. Aber genau diese Imperfektion macht sie so nahbar.

Realismus statt Drama

Auf Rügen begegnet sie glücklicherweise Menschen, die ihr dieses angelernte Verhalten verzeihen. Das ältere Kneipen-Ehepaar, bei dem sie wohnt, akzeptiert sie ohne Druck. Schlechte Tage sind auch ohne Gegenleistung vollkommen in Ordnung. Als das Ehepaar von einer schweren Diagnose erfährt, bleibt die Erzählung ruhig und verzichtet auf übertriebene Dramatik. Auch die Liebesgeschichte ist unaufgeregt und fokussiert sich auf das Zwischenmenschliche statt auf schnelle körperliche Nähe. Sie trifft auf jemanden, der Ähnliches erlebt hat und sie dadurch besser versteht. Sie kommen sich durch normale Gespräche Schritt für Schritt näher. Dementsprechend kommen sie sich erst später auf körperlicher Ebene näher.

Genauso realistisch und fast zufällig tauchen Idas traumatischen Erinnerungen auf. Meistens in stillen Momenten, beim Zugfahren ohne Handy oder beim Einschlafen. Schutz sucht sie im stürmischen Meer, bei jeder Nachtzeit und bei jedem Wetter. Denn diese Gefahr gibt ihr ein Gefühl von Freiheit und Schwerelosigkeit. Das sind die dramatischen Stellen im Buch. Verbunden mit Idas direkter, rauer und ehrlicher Sprache entsteht eine echte erzählerische Tiefe. Das Besondere ist, das meiste davon spielt in Idas Kopf ab. Was ihre Emotionen so realitätsnah macht.

Struktur gegen Freiheit 

Im direkten Vergleich wird der Unterschied der Schwestern besonders deutlich. In 22 Bahnen klammert sich Tilda an starre Routinen, Zahlen und Kontrolle. Das schützt sie zwar, wirkt auf Ida und den Leser aber durch vorhersehbare Flashbacks oft konstruiert und schafft Distanz. Ida ist das genaue Gegenteil. Sie sucht infolge des traumatischen Verlusts nach Freiheit. Sie handelt impulsiv und macht Fehler. Ihre Widersprüche machen sie menschlich. 

Am Ende spiegeln beide Romane perfekt die Charaktere wider. Dabei zeigt vor allem Windstärke 17, dass Veränderung Zeit braucht. Während Tilda in 22 Bahnen noch ihre Runden im Freibad schwimmt, strömt Ida endlich ins Meer hinaus.

Autorin: Sarah Zimmermann

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