In GIRL vom schauspiel erlangen erzählen elf junge Schauspielerinnen von negativen Erfahrungen, die viele Frauen kennen. Sie nähern sich dem Thema Feminismus mit Humor, Wut und Hoffnung.

Nur langsam sinkt das Thermometer im Hinterhof vom schauspiel erlangen auf unter 30 Grad. An einem dieser heißen Tage während der Juni-Hitzewelle singen junge Schauspielerinnen vergnügt Songs aus dem Film “Bibi und Tina”, ihre stolzen Familien essen Pizza. Es ist die Premierenfeier vom Stück GIRL.
Gestresst von der Schule und von Social Media
GIRL erzählt die Geschichte um Schülerin Ella. Am Abend vor einem Referat hängt sie am Handy und schläft ein. Plötzlich stolpern Heldinnen in ihr Zimmer, die sie sonst nur aus Büchern und Filmen kennt, z.B. Katniss Everdeen, Prinzessin Anna aus “Frozen” oder Jo March aus “Little Women”. Auch Ellas Bruder Fabi taucht mit drei männlichen Begleitern auf – unter ihnen James Bond, der überzeugt ist, die Welt retten zu müssen. Überall, wo 007 dann auftaucht, stiftet er Chaos. Der Rest macht sich auf, ihn zu finden.
Das Ensemble nutzt bekannte Figuren, um über Rollenbilder und gesellschaftliche Erwartungen zu sprechen. Dabei gelingt ein Abend, der aktuelle Debatten mit Humor aufgreift, ohne die dargestellten Themen kleinzureden.
Von Alltagserfahrungen zum Theaterstück
Hinter dem Stück GIRL steckt das Ensemble vom Spielclub Höhenflug. Jugendliche treffen sich in ihrer Freizeit wöchentlich für Proben und entwickeln über eine Spielzeit hinweg ein Stück. Theaterpädagogin Melanie Kuch begleitet den Prozess. “Wenn die Spielerinnen bestimmte Ideen haben, gebe ich ihnen Theatertechniken an die Hand”, sagt sie.
Als die Jugendlichen im Oktober Themen gesammelt haben, kristallisierte sich Feminismus schnell als gemeinsamer Schwerpunkt heraus. Sophia spielt im Stück Katniss Everdeen. Sie erinnert sich: “Viele Dinge haben wir alle erlebt und uns deswegen überlegt, mit welchen feministischen Vorbildern wir das zeigen können.”
In dieser Spielzeit besteht das Ensemble vom Theaterclub ausschließlich aus jungen Frauen. Gemeinsam diskutierte die Gruppe über Schönheitsideale, weibliche Solidarität und Vorbilder aus Filmen, Büchern und Popkultur.
Theater als gemeinsame Spielwiese
Für Sophia war es die erste Spielzeit im Ensemble, genauso für Manuella. Sie spielt Sasha, die Tochter von Mattel-Mitarbeiterin Gloria aus dem Film “Barbie”, und muss schmunzeln. “Wie jetzt hier nach der Premiere haben wir bei den Proben irgendwas gesungen oder uns Memes gezeigt.”
Melanie sieht das gelassen, weil sie gesehen hat, wie engagiert die Jugendlichen trotz parallelen Prüfungen geblieben sind. “Es war schön zu sehen, wie diese Gruppe zusammen funktioniert.”
Wann und wie Rollenbilder uns begleiten
Ein Schwerpunkt in GIRL ist das Thema Rollenbilder. “Deine Mutter kann dir das ja nähen, deine Mutter kann ja für dich kochen. Aber eigentlich können doch alle alles machen”, wünscht sich Sophia, während es im Hintergrund eine kleine Fotosession mit den Familien gibt.
Wenige Minuten zuvor werden auf der Bühne Charaktereigenschaften bewusst überzeichnet. Anna aus Frozen wirkt besonders gutgläubig. Robin Hood ist überzeugt, der beste Leader zu sein. Auch durch eingespielte Social-Media-Clips – produziert vom Ensemble selbst – wird auf Missstände hingewiesen. Die Videos zeigen überspitzte Darstellungen von Hausfrauen oder typischen Alpha-Male-Podcasts.
Humor trifft Realität
Auch eine Szene um Karla Kolumna, die fröhliche Reporterin aus den Benjamin-Blümchen-Storys, bleibt hängen. Auf der Suche nach Bond ist Karla traurig, dass sie niemand ernst nimmt. Im Gespräch wird ihr entgegnet, dass viele junge Frauen durch sie den Mut gefasst haben, sich in der Journalismus-Branche durchzuboxen.
Gestützt durch aktuelle Zahlen sprechen die Charaktere auf der Bühne über Frauen im Lokaljournalismus. Laut einer Studie der Gleichstellungsinitiative “ProQuote Medien” weisen Regionalzeitungen einen vergleichsweise niedrigen Frauenanteil in Führungspositionen auf. Zwar hat sich seit 2016 der Anteil auf 22 Prozent fast verdoppelt, doch der Rückstand auf die Leitmedien des ÖRR bleibt groß.
Mehr als nur eine Premiere
Das Ensemble von GIRL interessiert sich ebenso für Fortschritte und Lösungen. Paola, im Stück Neville Longbottom aus “Harry Potter”, verweist auf die Entwicklung innerhalb der Handlung. “Am Ende verstehen sich Mädchen und Jungs besser. Sie haben miteinander gesprochen”, sagt sie.
Auch Melanie Kuch findet, es brauche mehr junge Menschen, die ihre Stimme erheben, so wie das Ensemble am Ende von GIRL. Nach dem Referat (Spoiler, Ella meistert ihren Vortrag) schlüpfen die Spielerinnen aus ihren Rollen und äußern persönliche Wünsche. Unisono fordern sie zum Schluss: “Wir wollen Gleichberechtigung für alle. Eigentlich ganz einfach, oder?”
Vielleicht ist genau das die Botschaft des Abends. Rollenbilder und patriarchale Strukturen verlieren an Macht, wenn Menschen darüber sprechen. Und während James Bond irgendwo noch immer die Welt retten will, zeigen die Spielerinnen von GIRL, dass Veränderung manchmal ganz woanders beginnt: auf einer Bühne, in einem Jugendzimmer oder auf einer Premierenfeier im Hochsommer.
Autor: Sebastian Schroth

