Ihr erstes Album mit eigenem Label. In „nur Mut“ verarbeitet Wilhelmine den Tod ihrer Mutter, singt dabei aber vor allem von ganz viel Hoffnung.

Als Kind ist Wilhelmine in besetzten Häusern am „Kotti“ in Berlin aufgewachsen und lernte, alles sein zu können, wenn sie sich dafür entscheidet. Doch nach einem Umzug in Wendland – angetrieben durch die Anti-AKW-Proteste ihrer Eltern – gibt es einen Suizid im nahen Familienumfeld und die Stabilität in ihrer Familie bricht weg. In der Folge muss sie in Pflegefamilien leben; aus einer dieser Familien wird sie wegen
ihrer Queerness allerdings rausgeschmissen. In der Schule ist sie „die Laute“ und singt, auch wenn es gerade nicht passt.
Das erfährt man in Interviews über Wilhelmines Leben. Bekannt wurde die Sängerin 2019 mit dem Song „Meine Liebe“. Ursprünglich geplant als einmaliges Coming Out. Doch immer wieder hört man implizit oder explizit von queeren Beziehungen und in ihrem zweiten Album „Meere“ greift sie mit dem Titel „viele“ auch die Queerfeindlichkeit unserer Gesellschaft auf.
Diesen Mai nun ist ihr drittes Album erschienen: „nur Mut“. Zum Großteil verarbeitet sie hier den
Tod ihrer Mutter Anfang letzten Jahres. Anders als vielleicht erwartet, ist sie dabei aber hoffnungsvoll – sie selbst war von der Euphorie ihres Albums überrascht. Denn auch wenn der Verlust Wilhelmine zerbrochen hat, so hat sie sich doch selbst wieder gefunden. Schon im ersten Song des Albums „schmetterling“ singt sie: „Schau da, ich fliege wieder / schau da, da bin ich wieder“.
Ein Teil dieses „sich Wiederfindens“ ist vielleicht auch die Verbindung zu ihrer Mutter durch die Musik. So singt sie in „ich gebe alles“ darüber, den Traum ihrer Mutter weiter zu leben, die selbst Schauspiel und Gesang studiert hatte. Außerdem erzählte Wilhelmine in einem Interview bei diesem Album das erste Mal verstanden zu haben, was ihre Mutter mit „nicht so pressen beim Singen“ meinte.
Einige Songs sind aber auch ihrer Freundin gewidmet. In „tanz vor dir“ möchte sie ihr Gegenüber aufheitern und in „zum ersten Mal“ wird dieses Gefühl in gewisser Weise erwidert: „Ich weiß, es war nicht leicht mit mir in letzter Zeit / Du brauchtest Kraft für zwei, doch bei dir darf ich einfach alles sein“.
Neben Trauer und Liebe wird Wilhelmine in zwei Features aber auch gesellschaftskritisch. In „mansplaining survivor“ singt sie mit ok.danke.tschüss von Männern, die meinen alles erklären zu müssen und Plätze von Frauen einnehmen, aber „dieses kleine Paradies / Tief in meiner Brust“ nicht zerstören können. In „anlauf“ ruft sie mit Luisa Neubauer und Mondmann dazu auf, gemeinsam für die Demokratie und eine offene Gesellschaft zu kämpfen.
Auch wenn (glücklicherweise) nicht jeder eine direkte Verbindung zum Hauptthema des Albums hat, so können wir doch alle die Bedeutung von Liebe und Hoffnung verstehen.
Autorin: Julia Blendinger

