Immer häufiger werden Depressionen diagnostiziert – trotzdem ist das Krankheitsbild noch nicht vollständig erforscht. Auch Botenstoffe im Gehirn scheinen eine bedeutende Rolle dabei zu spielen. Warum eine individuelle Behandlung notwendig ist und wie diese aussehen kann.

Fast 22% der Erwachsenen in Deutschland haben im Jahr 2024 unter einer depressiven Symptomatik gelitten. Das geht aus einer Datenerhebung des Robert Koch Instituts hervor, der zentralen Einrichtung der Bundesregierung auf dem Gebiet der Biomedizin. Depressive Störungen gehören damit zu den häufigsten psychischen Erkrankungen in Deutschland und trotzdem werden die Auswirkungen und Folgen dieser Erkrankung oft unterschätzt oder verharmlost.
Müdigkeit, Hoffnungslosigkeit oder Schlafstörungen – Depressionen können unterschiedlich aussehen
Eine Depression kann sich durch unterschiedliche Symptome zeigen. Charakteristisch für die psychische Erkrankung ist eine lang anhaltende Traurigkeit gepaart mit einem Gefühl der Hoffnungslosigkeit. Hinzu kommt, dass Betroffene meist das Interesse an Tätigkeiten verlieren, die ihnen sonst Spaß machen und ihnen die Kraft für kleine alltägliche Aufgaben fehlt. Häufig kommen Schlafstörungen hinzu. Das erklärt die Chefärztin der Curamed Tagesklinik in Nürnberg, Dr. Kneginja Richter. Sie ist Fachärztin für Psychiatrie, Psychotherapie und Schlafmedizin und neben der Arbeit in der Tagesklinik auch als Professorin an der Technischen Hochschule in Nürnberg tätig. Die Zusammensetzung einer Depression ist komplex. Deshalb sei es laut Richter wichtig, die Symptome individuell zu betrachten. Heutzutage wisse man, dass Depressionen sich nicht bei allen Menschen gleich zeigen.
In der Diagnostik unterscheiden Expert:innen zwischen leichten, mittelgradigen und schweren depressiven Episoden, die durch Anzahl und Schwere der Symptome klassifiziert werden. Außerdem kann eine Depression chronisch werden oder immer wiederkehren, auch rezidivierende Depression genannt. Klassifiziert werden diese Arten von Depression im ICD-10. Das ist ein internationales Klassifikationsverzeichnis für Krankheiten, in dem die konkreten Symptome zugeordnet werden.
Psychische Erkrankungen treten häufig auch in Kombination auf. Wenn eine Person mit mehreren psychischen Erkrankungen diagnostiziert ist, nennt man das “psychische Komorbidität”. Laut der gemeinsamen Prüfungseinrichtungen Baden-Württemberg treten Depressionen häufig zeitgleich mit Angststörungen, Zwangsstörungen, Essstörungen oder Suchterkrankungen auf.
Diese Rolle spielen Botenstoffe
Die Symptome der Erkrankung hängen mit einem niedrigen Spiegel an bestimmten Neurotransmittern, also chemischen Botenstoffen im Gehirn zusammen. Unser Gehirn verarbeitet Informationen und lenkt Prozesse, indem Nervenzellen Informationen miteinander austauschen. Durch Lernprozesse entsteht so ein großes und komplexes Netzwerk aus verknüpften Nervenzellen. Verbunden sind diese über sogenannte Synapsen. Die Neurotransmitter übertragen Informationen von einer Synapse zur nächsten und sind damit unter anderem maßgeblich an unserem Energielevel und unserer Stimmung beteiligt.
Einer der bekanntesten Neurotransmitter ist das Serotonin, das umgangssprachlich auch als Glückshormon bezeichnet wird. Die Wissenschaft ging aufgrund eines Forschungsergebnisses aus dem Jahr 1969 eine Zeit lang davon aus, dass alle von Depressionen betroffenen Menschen einen Serotoninmangel vorweisen würden. Laut Richter verfolgen Wissenschaftler:innen und Behandler:innen heute einen deutlich personalisierteren Ansatz.
Nach neueren Erkenntnissen hängen die unterschiedlichen Formen und Ausprägungen von Depression damit zusammen, dass das Niveau verschiedener Neurotransmitter absinkt. Das beeinflusst auch die individuellen Symptome. Ein Serotoninmangel zeige sich so zum Beispiel in Angststörungen, innerer Unruhe und Schlafstörungen, während ein Dopaminmangel eher zu Antriebslosigkeit, Lustlosigkeit und ständiger Müdigkeit führe, erklärt Richter.
Gedanken, Gefühle, Handlungen – wie hängt das zusammen?
Um die Erkrankung besser zu verstehen, untersuchen Expert:innen außerdem den Zusammenhang zwischen krankheitsbedingten Gedanken und Gefühlen und den konkreten Vorgängen im Gehirn.
Gedanken, Gefühle und Handlungen treten laut Richter in einer bestimmten Reihenfolge auf und bedingen sich gegenseitig. Häufig werden Betroffene von sich wiederholenden negativen Gedanken gequält, die sich beispielsweise auf die eigenen Beziehungen oder Fähigkeiten beziehen können. Spielt das Gehirn negative Gedanken wie eine kaputte Schallplatte in Dauerschleife ab, wirkt sich das auf die Stimmung und Gefühle und schließlich auf die Handlungen der betroffenen Person aus. Statt beispielsweise Sport zu treiben oder sich mit Freund:innen zu treffen, tendieren Betroffene dazu, das eigene Zimmer nicht zu verlassen, was wiederum die negativen Gedanken und Gefühle verstärkt.
Diese sich ständig wiederholenden Gedanken sind ebenfalls eine Form der Informationsverarbeitung, die über die Synapsen zwischen den Nervenzellen stattfindet und so die Verbindungen im Gehirn festigt. Mit jeder Wiederholung stabilisiert sich die Übertragungsbahn weiter und die negativen Gedanken gewinnen immer mehr an Bedeutung – bis sie irgendwann einen Großteil des Lebens der betroffenen Person einnehmen.
Laut der Deutschen Depressionshilfe sei die Funktionsstörung der Botenstoffe und anderer Abläufe im Gehirn wegen komplizierter Wechselwirkungen und Rückkopplungen bei Depression bisher jedoch nicht vollständig verstanden.
Wie kann man destruktive Gedanken- und Verhaltensmuster in einer Therapie behandeln?
Das menschliche Gehirn ist plastisch. Das bedeutet, dass seine Organisation und Struktur durch Lernprozesse und Erfahrungen verändert werden kann. In der Therapie versuchen Patient:in und Therapeut:in, bestehende destruktive Strukturen aufzubrechen und neue Verbindungen zu bilden und zu festigen. Im Zentrum der Behandlung steht die Psychotherapie. Zusammen mit ausgebildeten Therapeuten:innen decken Patient:innen im Rahmen einer Gesprächstherapie mögliche Ursachen und Triggerpunkte auf und lernen verschiedene Skills, um mit destruktiven Gedanken und Gefühlen umzugehen.
Neben der klassischen Gesprächstherapie gibt es jedoch auch andere Therapieansätze, die häufig zusätzlich angewandt werden. In der Curamed Tagesklinik in Nürnberg wird ein innovatives Verfahren genutzt, das durch gezielte Stimulation bestimmter Hirnareale eine Umstrukturierung des Gehirns anregen soll.
Die Repetitive transkranielle Magnetstimulation, kurz rTMS, stimuliert von der Depression betroffene neuronale Netzwerke mithilfe von bestimmten sich wiederholenden Frequenzen. Richter erklärt, dass auf diese Art die durch die Depression verlangsamten Neuronen beschleunigt würden. Dadurch soll sich die Stimmung der betroffenen Personen verbessern und festgefahrene Gedankenmuster aufgebrochen werden. Die Deutsche Depressionshilfe schätzt die Risiken des Verfahrens aktuell als eher gering ein: “Außer eventuellen Kopfschmerzen treten keine Nebenwirkungen auf. Die rTMS wird vor allem bei therapieresistenter Depression empfohlen, das bedeutet, wenn mindestens zwei verschiedene Antidepressiva und Psychotherapie nicht den erwünschten Erfolg haben.” Das Verfahren kommt begleitend zu einer Psychotherapie zum Einsatz. Darüber hinaus gibt es noch weitere Behandlungsverfahren.
Der Kampf gegen die Depression – das ist für eine gelungene Behandlung wichtig
Zentral für eine gelungene Behandlung ist vor allem ein personalisierter Therapieansatz, der die individuelle Vorgeschichte des/der Patienten:in berücksichtigt. Die Therapie sollte immer auf die Bedürfnisse der Betroffenen zugeschnitten sein. Je nach Schwere der Depression betont Richter die Relevanz von Psychopharmaka. Zusätzlich zur Gesprächstherapie unterstützen diese das Gehirn dabei, gegen die endlos scheinenden Gedankenkreise und die düstere Stimmung anzukämpfen. Für eine gelungene Behandlung seien neben Psychotherapie und Psychopharmaka außerdem rTMS sowie Lichttherapie von großer Bedeutung.
Auch die Deutsche Depressionshilfe nennt Psychotherapie und Antidepressiva als “wichtigste Säulen der Behandlung”. Bei der Einnahme von Antidepressiva dauere es rund zwei Wochen, bis eine erste Besserung spürbar sei. Sie würden weder süchtig machen noch die Persönlichkeit verändern. Außerdem könne eine Behandlung mit Medikamenten das Risiko für Rückfälle deutlich reduzieren.
Durch ein umfassendes Netzwerk an sich ergänzenden Therapieformen, zu denen auch Kunst-, Musik- oder Bewegungstherapie zählen, sollen die Patient:innen ihre eigenen Ressourcen kennenlernen und wieder Freude am Leben finden.
Obwohl einige Aspekte der Erkrankung Depression noch nicht vollständig erforscht sind, gibt es mittlerweile viele Therapieansätze, deren Wirksamkeit empirisch nachgewiesen ist. Eine Depression ist somit zwar eine ernstzunehmende und gefährliche Erkrankung, aber auch behandelbar und in vielen Fällen heilbar.
Du bist nicht allein
Eine Depression kann jede:n treffen. Für die Erkrankung gibt es unterschiedliche Risikofaktoren. Dazu können traumatisierende Erfahrungen, Schlafstörungen oder bestimmte Persönlichkeitseigenschaften wie Sensibilität zählen. Personen, in deren Familie die Erkrankung vermehrt auftritt, können sogar ein genetisches Risiko für Depressionen haben.
Wenn du von einer Depression betroffen bist oder jemanden kennst, der gerade damit kämpft, kannst du an verschiedenen Anlaufstellen Hilfe finden. Unter der Nummer 0800 1110111 oder 0800 1110222 hilft dir die Telefonseelsorge in akuten Krisensituationen. Die deutsche Depressionshilfe bietet außerdem eine kostenfreie E-mail-Beratung an. Dafür kannst du an bravetogether@deutsche-depressionshilfe.de schreiben.
Autorin: Barbara Müller

